Digitaler Zwilling des Staates

Kurzstudie · Impulspapier
NEGZ Kompetenznetzwerk Digitale Verwaltung

Paul Raphael Schägner, Moritz Ahlers (Rechtsanwalt)

https://negz.org/publikation/digitaler-zwilling-des-staates/
Wolke der Aufgabenträger

Digitale Zwillinge sind digitale Abbilder materieller oder immaterieller Objekte. In der architektonischen Praxis setzen sie sich im Zuge der Arbeitsmethode “Building Information Modelling” (“BIM”) zunehmend als neues technisches Standard-Planungs- und Kooperationstool für die (Re-)Modellierung von Gebäuden, VerkehrsInfrastrukturen (z. B. Brücken1), Räumen2 und ganzen Städten3 oder Stadtteilen4 durch. Das BIM-Modell ermöglicht über den gesamten Lebenszyklus von Planungsobjekten die Bündelung, Verwaltung und den Austausch der relevanten Informationen und Daten sowie die transparente und synchrone Kommunikation zwischen den Beteiligten. So kann der digitale Zwilling eines Planungsobjekts im Verlauf des Lebenszyklus für die Planung, Ausführung, Instandhaltung, eventuellen Um- oder Ausbau sowie letztlich auch für den Abriss als Grundlage verwendet werden.

Die praktischen Anwendungsfelder digitaler Zwillinge sind jedoch keineswegs auf die architektonische Praxis beschränkt. Sie kommen beispielsweise bereits in der Medizin bei der Modellierung menschlicher Körper oder einzelner Körperteile5, in der Klimaforschung zur Modellierung des Weltklimas zum Einsatz6. Auch gibt es im Metaverse die Repräsentanz des Rathauses von Seoul als digitalen Zwilling7. Könnte ein digitaler Zwilling der rechtlichen Struktur von Staat und Verwaltung der Bundesrepublik auch die Praxis der Staats- und Verwaltungsdigitalisierung erleichtern? Dieser Frage gehen Jurist Moritz Ahlers und Architekt Paul R. Schägner in diesem transdisziplinären Impulspapier nach.

Ausgehend von der architektonischen Reflexion über die Bedeutung digitaler Zwillinge für die architektonische Planungspraxis kommen sie zum Ergebnis, dass der digitale Zwilling als kooperatives Planungstool grundsätzlich auch für die rechtliche Gestaltung der Staats- und Verwaltungsdigitalisierung geeignet ist. Die Autoren machen einen ersten Vorschlag, mit welchen juristischen Daten ein solcher digitaler Zwilling gespeist und wie diese juristischen Daten verknüpft werden müssen, um in der Praxis als Organisationsmodell einen erheblichen Mehrwert für die juristische Gestaltung der Staats- und Verwaltungsdigitalisierung zu haben. Das Impulspapier betrachtet dabei nicht die Modellierung von Recht und seinen Auswirkungen bzw. Gesetzgebung oder Rechtsprechung im Allgemeinen, sondern fokussiert die Modellierung der institutionellen (Re-)Organisation von Staat, Verwaltung und staatlicher Aufgabenwahrnehmung im Besonderen. Nach Einschätzung der Autoren könnte ein solcher digitaler Zwilling sowohl die praktische Gestaltung der Verwaltungsdigitalisierung im Rahmen der gegebenen rechtlichen Strukturen als auch deren grundlegende Umgestaltung erleichtern und verbessern. Richtig gestaltet, würde ein solcher digitaler Zwilling die Visualisierung unterschiedlicher (Re-)Modellierungmöglichkeiten der Staats- und Verwaltungsorganisation ermöglichen und dabei die – angesichts der rechtlichen Komplexität häufig schwer vorstellbaren – rechtlichen Zusammenhänge und Abhängigkeiten offenlegen. Auf diese Weise kann zugleich die Grundlage für die Diskurse in Politik und Verwaltung über die rechtliche Gestaltung der Verwaltungsdigitalisierung verbessert werden.

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